„Neue Perspektiven, neue Literaturen, die mich, uns und hoffentlich viele andere begeistern und überraschen“

"Neue Perspektiven, neue Literaturen, die mich, uns und hoffentlich viele andere begeistern und überraschen"
Organisiert vom Interkontinental-Verlag: das African Book Festival in Berlin

Frau Karla Kuntzner, eine der drei Verlegerinnen, die den InterKontinental-Verlag gegründet haben, beantwortete unsere Fragen zu afrikanischer Literatur anlässlich der Leipziger Buchmesse.

Auf der Leipziger Buchmesse haben Sie in diesem Jahr den Deutschen Buchhandlungspreis bekommen. Was bedeutet dieser Preis für Sie?
Der Preis ist für uns eine wichtige Auszeichnung, die unsere jahrelange Arbeit und den unermüdlichen Einsatz als Buchhändlerinnen würdigt. Viele unabhängige Buchhandlungen leisten viel mehr als nur Bücher zu verkaufen. Wir setzen uns ein für literarische Vielfalt, internationale Perspektiven. Wir sind Orte der Kultur und Debatten und bieten wichtige Räume für Menschen, egal welcher Herkunft. Es ist bereits das dritte Mal, dass InterKontinental mit diesem Preis ausgezeichnet wird. Besonders gefreut haben wir uns in diesem Jahr über die Würdigung als „Besonders herausragende Buchhandlung“. Bedauerlicherweise hat der Buchhandlungspreis durch die höchst umstrittenen Handlungen von Kulturstaatsminister Weimer nun Schaden genommen, und wir müssen alle schauen, wie es weitergeht.
Wie schätzen Sie die Entwicklung seit der Buchmesse von 2025 ein?
Um ehrlich zu sein, sind die Zeiten des unabhängigen Verlegens keine einfachen. Auch im vergangenen Jahr sind die Kosten an allen Ecken wieder gestiegen. Für uns als Verlag, der ausschließlich Übersetzungen publiziert, sind die hohen Übersetzungskosten die größte Herausforderung. Hierfür und auch für’s Verlegen generell gibt es kaum Förderung, die den Verlagen zugutekommt.
Sie publizieren afrikanische Literatur, was ist Ihnen bei der Auswahl wichtig?
Wir publizieren ausschließlich afrikanische und afrodiasporische Literaturen. Wichtig ist uns hier vor allem die Perspektive und die Geschichte, die erzählt wird. Wir verlegen vor allem zeitgenössische Romane, die oft Bezug auf Zeitgeschichte nehmen. Dazu achten wir auch auf Vielfalt innerhalb des Programms. In diesem Jahr ist der dritte Teil von Leye Adenles Lagos-Thrillern erschienen. Letztes Jahr war das Debüt von Ivana Akotowaa Ofori unser Bestseller, ein gespenstische Novelle über die Nachwirkungen der Sklaverei. Unsere Romane unterhalten und öffnen bisher meist unbekannte Welten und Räume für alle Lesenden.

Welche Rolle spielt bei Ihnen KI bzw. die Sprachmaschine. Arbeiten Sie mit KI, welchen Nutzen, welche Nachteile sehen Sie für Ihre Verlagsarbeit?
Wir nutzen KI bisher nur zur Unterstützung von Recherchen oder (Werbe)texten und gelegentlich für Übersetzungsunterstützung bei Verträgen und internationalem Recht. Ich denke, langfristig wird KI im Verlagswesen viel in der Übersetzung eingesetzt. Das ist bereits eine Debatte, die ähnlich wie bei der „schreibenden KI“ die Rechte und Leistungen von Kreativen debattiert. Ich finde diese Debatte aber wichtig, weil wir uns letztlich dem Fortschritt nicht verschließen können und nur im (Branchen)-Dialog den Verlauf dieser Entwicklung zu unser aller Gunsten auch beeinflussen können.

Worin sehen Sie Perspektiven für Ihre Verlagsarbeit? 
Auf kreativer Ebene sehe ich viele aufstrebende Autor:innen, neue Perspektiven, neue Literaturen, die mich, uns und hoffentlich viele andere begeistern und überraschen. Diese Neugier auf neue Texte begleitet mich immer. Auf wirtschaftlicher Ebene muss es in Deutschland eine kontinuierliche und verlässliche Verlagsförderung geben, da das unabhängige Verlegen ansonsten leider zum Luxus wird und die Marktzentrierung auf wenige Große weiter voranschreiten wird.

(Das Interview führte Theresa Endres.)