Tollwut in Marokko: Eine britische gerichtliche Untersuchung schlägt erneut vier Jahre vor der WM 2030 Alarm

Tollwut in Marokko: Eine britische gerichtliche Untersuchung schlägt erneut vier Jahre vor der WM 2030 Alarm

Die gerichtliche Untersuchung (Inquest), die in Sheffield zum Tod der britischen Großmutter Yvonne Ford eröffnet wurde, die nach einem einfachen Kratzer eines Hundes in Marokko an Tollwut starb, macht die Schwachstellen einer vermeidbaren Tragödie sichtbar. Nach dem Tod einer Schweizer Touristin unter ähnlichen Umständen in Agadir steht Marokko vor einem Problem, das im Durchschnitt 18 Menschen pro Jahr im Land tötet – ohne dabei auf Massentötungen zurückgreifen zu müssen, die international verurteilt werden. Gleichzeitig rückt der Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 immer näher.

Tollwut in Marokko: Sheffield und der Fall Yvonne Ford
Seit dem 3. März 2026 untersucht eine Jury im Sheffield Medico-Legal Centre die Umstände des Todes von Yvonne Ford. Die Zeugenaussagen zeichnen das Bild einer Tragödie, die durch eine einfache medizinische Maßnahme hätte verhindert werden können.

Am 10. Februar 2025 macht Yvonne Ford, 59 Jahre alt, Mutter und Großmutter aus Barnsley in South Yorkshire, Urlaub in Marokko. Als sie von ihrer Liege an einem Strand aufsteht, erschreckt sie einen streunenden Welpen, der sie am Bein kratzt. Die Wunde durchdringt zwar die Haut, wirkt jedoch harmlos. Die Familie reinigt sie mit einem Feuchttuch und misst dem Vorfall keine weitere Bedeutung bei. Weder in Marokko noch nach der Rückkehr nach England wird ein Arzt aufgesucht.

In den folgenden Wochen geht Yvonne Ford mehrfach in die Notaufnahme der Krankenhäuser in Barnsley und Wakefield. Sie klagt über eine Verletzung, die sie als „Insektenstich“ oberhalb des Knöchels beschreibt. Kein Arzt bringt sie mit dem Vorfall am Strand in Marokko in Verbindung.

Ende Mai verschlechtert sich ihr Zustand plötzlich: Kopfschmerzen, Übelkeit, Bewegungsstörungen und Desorientierung treten auf. Am 2. Juni wird sie in das Krankenhaus von Barnsley eingeliefert. Die Ärzte haben Schwierigkeiten, eine Diagnose zu stellen, und überweisen sie schließlich aufgrund von Halluzinationen, schwerer Angst und extremer Unruhe an eine psychiatrische Abteilung.

Erst der Psychiater Alexander Burns, der vier Tage nach der Aufnahme hinzugezogen wird, bringt eine Wende. Zunächst vermutet er Borreliose und fragt die Familie nach Auslandsreisen. Der Ehemann erwähnt daraufhin den Kratzer durch einen streunenden Hund in Marokko – ein Detail, das den anderen Ärzten unbekannt war.

Dr. Burns, der zuvor noch nie mit einem Tollwutfall konfrontiert war, recherchiert und stellt fest, dass sämtliche neurologischen Symptome mit dem Krankheitsbild der Tollwut übereinstimmen. Doch es ist bereits zu spät. Yvonne Ford wird in die Abteilung für Infektionskrankheiten des Sheffield Royal Hallamshire Hospital verlegt und stirbt dort am 11. Juni 2025.

Zwei Formen der Tollwut
Die Infektiologin Katharine Cartwright von den Sheffield Teaching Hospitals erklärte vor der Jury, dass Tollwut „zu 100 % tödlich ist, sobald Symptome auftreten“. Sie bezeichnete den Fall als „extrem selten“ – im Vereinigten Königreich wurden seit 1946 nur 26 Fälle registriert – und verteidigte die Ärzte in Barnsley: „Ich glaube, sie haben ihr Bestes getan.“

In den USA wurde seit dem Jahr 2000 etwa die Hälfte der Tollwutfälle erst nach dem Tod der Patienten diagnostiziert.

Bei Yvonne Ford trat zudem eine ungewöhnliche medizinische Besonderheit auf: Symptome beider Formen der Tollwut, der encephalitischen und der paralytischen Variante. Auch das typische Symptom Hydrophobie zeigte sich – sie weigerte sich zu trinken und spuckte, um ihren Speichel loszuwerden.

Ihre Tochter Robyn Thomson startete daraufhin eine internationale Kampagne für die Impfung von Hunden und ruft Reisende dazu auf, selbst kleinste Kratzer von Tieren ernst zu nehmen.

Touristen sterben an Tollwut – die Liste wächst
Der Fall Yvonne Ford ist kein Einzelfall. Nur wenige Wochen nach ihrem Tod stirbt eine Schweizer Touristin unter ähnlichen Umständen in Taghazout nördlich von Agadir. Die Urlauberin spielt mit einem streunenden Hund und wird gekratzt. Trotz Desinfektion der Wunde und einer Postexpositions-Impfung verschlechtert sich ihr Zustand plötzlich, und sie stirbt kurze Zeit später.

Das Schweizer Außenministerium ergänzt daraufhin einen speziellen Warnhinweis in seinen Reiseinformationen für Marokko und rät Bürgern, Abstand zu streunenden Tieren zu halten.

Weitere Fälle:
2022: Eine 44-jährige französische Touristin wird bei El Argoub nahe Dakhla von einem Rudel streunender Hunde getötet.

2018: Ein britischer Tourist stirbt an Tollwut, nachdem er in Marokko von einer Katze gebissen wurde.

Gesundheitsdienste in der Region Agadir berichten zudem von bis zu 70 Opfern von Hundeangriffen an einem einzigen Tag.

Die offiziellen Zahlen sind alarmierend:

rund 100.000 Hundebisse pro Jahr im Königreich

33 tödliche Tollwutfälle im Jahr 2024

Streunende Hunde und die WM 2030: ein explosives Gesundheitsrisiko

Diese Zahlen gewinnen zusätzliche Brisanz mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichten wird. Das Land erwartet Hunderttausende internationale Fans.

Während der jüngsten FIFA-Klub-WM unterbrachen Tierschutzaktivisten sogar ein Spiel, um gegen den Umgang mit streunenden Tieren in Marokko zu protestieren. Die International Animal Welfare and Protection Coalition (IAWPC) übergab den Organisatoren ein 91-seitiges Dossier mit Fotos.

Die Brigitte-Bardot-Stiftung fordert sogar, Marokko als Gastgeber auszuschließen. Der Musiker David Hallyday prangerte in einem offenen Brief an FIFA-Präsident Gianni Infantino angebliche „grausame Massaker“ an Tieren an. Die FIFA erklärte, sie beobachte die Situation genau und erwarte von allen Gastgeberländern die Einhaltung ihrer Verpflichtungen im Bereich Tierschutz und Rechte.

Für Marokko ist die Situation heikel: Die Straßen müssen für Millionen Besucher sicher sein – ohne gleichzeitig einen internationalen Skandal wegen Tierquälerei auszulösen.

Massentötungen: teuer und wirkungslos
Angesichts der Dringlichkeit ist die Versuchung groß, streunende Hunde massenhaft zu töten. Tierschutzorganisationen werfen der Regierung von König Mohammed VI. vor, die Tötungen seit der Vergabe der WM verstärkt zu haben.

Nach Angaben der SPA Marokko wird alle 1 Minute und 3 Sekunden ein streunender Hund getötet – etwa 500.000 Tiere pro Jahr. Videos in sozialen Netzwerken zeigen Hunde, die mit Strychnin vergiftet, erschossen oder brutal eingefangen werden. Die marokkanische Regierung weist die Vorwürfe zurück. Innenminister Abdelouafi Laftit spricht von „medialen Angriffen auf Basis falscher oder aus dem Kontext gerissener Daten“.

Ein Gesetzesentwurf zum Schutz streunender Tiere (Juli 2025) sieht vor: Geldstrafen von 450 bis 1900 Euro, 2 bis 6 Monate Haft für vorsätzliche Tötung oder Folter eines streunenden Tieres.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt, dass eine Verringerung der Hundepopulation durch Tötung schnell durch höhere Fortpflanzung und bessere Überlebensraten der verbleibenden Tiere ausgeglichen wird. Experten sprechen vom „Vakuum-Effekt“: Wenn ein Hund aus einem Gebiet entfernt wird, rücken andere nach – häufig ungeimpfte Tiere, was das Tollwutrisiko sogar erhöhen kann. Kurz gesagt: 100 getötete Hunde heute – 100 neue Hunde im nächsten Monat.

TNVR: fangen, sterilisieren, impfen, freilassen
Eine Alternative ist das TNVR-Programm: Trap – Neuter – Vaccinate – Return (Fangen – Sterilisieren – Impfen – Freilassen). Prinzip: Hunde werden eingefangen, sterilisiert, gegen Tollwut geimpft, markiert (z. B. Ohrmarke) und wieder in ihr Gebiet freigelassen. Sterilisierte und geimpfte Hunde verteidigen ihr Territorium und halten neue, ungeimpfte Tiere fern. Marokko hat diese Methode 2019 offiziell eingeführt. Eine nationale Vereinbarung wurde zwischen Innenministerium, Gesundheitsministerium, ONSSA und Veterinärkammer unterzeichnet. Mehr als 22 Millionen Euro wurden laut Regierung in Tierkliniken investiert.

Beispiel: Das Modellzentrum Al Arjat bei Rabat behandelte 500 Hunde, von denen 220 im Jahr 2025 nach Sterilisation und Impfung wieder freigelassen wurden. Ein bekanntes Projekt ist „Hayat“ in Tanger, gegründet von Salima Kadaoui: über 4.600 behandelte Hunde seit 2016. Sie sagt: „Sterilisierte und geimpfte Hunde sind Polizisten gegen Tollwut.“ Außerdem betont sie Prävention:

95 % der Bisse könnten vermieden werden, etwa durch: nicht schreien –

nicht vor Hunden weglaufen – jeden Kratzer ernst nehmen

Kluft zwischen offizieller Politik und Realität
Das Hauptproblem bleibt der Unterschied zwischen offiziellen Programmen und der Realität vor Ort. Trotz staatlicher Richtlinien ordnen einige Gemeinden weiterhin Tötungsaktionen an – sogar gegen bereits geimpfte Hunde.

Tierschutzgruppen behaupten außerdem, dass einige Einrichtungen, die als TNVR-Zentren präsentiert werden, in Wirklichkeit Tötungsstationen seien.

Freiwillige, die streunende Tiere füttern oder versorgen, riskieren laut Artikel 5 des Gesetzesentwurfs Geldstrafen bis zu 3000 Dirham (etwa 280 Euro) – eine hohe Summe für viele Marokkaner.

Was Marokko vor der WM 2030 ändern muss
Vier Jahre vor der Weltmeisterschaft bleibt wenig Zeit. Notwendige Maßnahmen:

  • TNVR landesweit umsetzen – echte Kontrolle der Umsetzung durch lokale Behörden –
  • Tierkliniken in allen Gastgeberstädten – tatsächliches Ende der Tötungsaktionen –
  • Unterstützung statt Bestrafung von Bürgern und Freiwilligen.

Marokko hat auch Vorteile: ein königliches Engagement für Sterilisationsprogramme (seit 2017), vorhandenes veterinärmedizinisches Know-how, erfolgreiche lokale Projekte wie Hayat oder die SPA Marokko. Die Herausforderung besteht darin, von Pilotprojekten zu einer nationalen Strategie zu wechseln.

Die WM 2030 könnte Marokko zu einem afrikanischen Vorbild für humane und wirksame Kontrolle streunender Hunde machen. Oder sie könnte zu einem Imageschaden führen, wenn erneut ein Tourist in einer Gastgeberstadt an Tollwut stirbt. Die Entscheidung liegt bei den marokkanischen Behörden – und die ganze Welt wird zusehen. (Quelle: afrik.com)