Marokko: 7.500 Millionäre, 1,4 Millionen zusätzliche Arme

Glänzende Stadien für 2030, gigantische Häfen mit weltweiter Anbindung, neue Hochgeschwindigkeitszugstrecken – und gleichzeitig ein öffentliches Gesundheitssystem in Trümmern. In Marokko wird die soziale Kluft zunehmend unerträglich. Das Königreich, das sich international als afrikanische Erfolgsgeschichte, stabil, modern und äußerst attraktiv präsentiert, wird heute von seinen eigenen Widersprüchen eingeholt. Es sind die Brüche eines Entwicklungsmodells, das immer mehr Vermögen hervorbringt, während Millionen Menschen zurückgelassen werden.

Der Wohlstand einer kleinen Elite wird inzwischen ganz offen zur Schau gestellt. Laut dem neuesten Africa Wealth Report hat sich Marokko auf den dritten Platz der reichsten Länder Afrikas vorgearbeitet – hinter Südafrika und Ägypten. Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der Millionäre aus den Bereichen Finanzen, Immobilien und Tourismus um 40 Prozent auf rund 7.500 gestiegen. In Marrakesch nahm ihre Zahl sogar um 67 Prozent zu. Diese Konzentration von Reichtum steht in scharfem Kontrast zum Alltag der übrigen Bevölkerung.

Dramatischer Rückschritt im Kampf gegen die Armut

Hinter der modernen Fassade der Großstädte kämpft das „Marokko von unten“ mit erheblichen Problemen. Zahlen des Hohen Planungskommissariats (HCP) zeigen, dass der Kampf gegen die Armut seit 2019 abrupt ins Stocken geraten ist. Die Zahl der Betroffenen hat sich mehr als verdoppelt – von 623.000 auf 1,42 Millionen Menschen.

Noch alarmierender ist, dass inzwischen auch große Teile der Mittelschicht abrutschen. Rund 4,75 Millionen Marokkaner leben heute in struktureller Verwundbarkeit. Sie werden von steigenden Lebensmittelpreisen, unbezahlbaren Mieten in den Städten und unsicheren Arbeitsverhältnissen erdrückt. Offiziell gelten diese Haushalte zwar nicht als arm, doch ihr finanzieller Spielraum ist nahezu nicht mehr vorhanden. Während die ländlichen Regionen weiterhin strukturell vernachlässigt werden, breitet sich diese neue Form der Armut inzwischen auch in den Randgebieten der großen Städte aus.

Für die ärmeren Bevölkerungsschichten und die sozial abgestiegene Mittelschicht ist es zu einer täglichen Provokation geworden, milliardenschwere Prestigeprojekte für die Fußball-Weltmeisterschaft zu sehen, während in den örtlichen Gesundheitszentren Betten, Ärzte und Medikamente fehlen. Das öffentliche Schulwesen verschlechtert sich, sozialer Aufstieg scheint blockiert, und das Gefühl der Ausgrenzung wächst.

„GenZ 212“: Die Revolte auf Discord

Diese Unzufriedenheit hat inzwischen eine Stimme gefunden: die „GenZ 212“. Diese Generation junger Marokkaner, hochgradig vernetzt und ohne klare Zukunftsperspektiven, hat sich von den traditionellen politischen Kanälen und überholten Parteien abgewandt. Stattdessen organisiert sie sich über Discord und soziale Netzwerke.

Ihr Slogan klingt wie ein Hilferuf: „Gesundheit zuerst.“ Diese digitale Bewegung, über die internationale Nachrichtenagenturen und große Medien berichtet haben, prangert Korruption, den Zusammenbruch öffentlicher Dienstleistungen und einen Wohlstand an, der von einer wirtschaftlichen Elite vereinnahmt werde.

Für diese jungen Menschen klingen die offiziellen Reden über die internationale Attraktivität des Landes hohl. Sie fordern keine technologischen Prestigeprojekte, sondern Würde, funktionierende Schulen und gut ausgestattete Krankenhäuser.

Das Königreich steht heute vor einer Entscheidung, die die „GenZ 212“ nur schwer ignorierbar gemacht hat. König Mohammed VI. und später sein Nachfolger, Kronprinz Moulay Hassan, müssen wählen: Soll weiterhin das Bild eines Marokkos gepflegt werden, das vor allem aus Luxushotels und Investorenprojekten besteht, oder sollen die Erwartungen der eigenen Bevölkerung in den Mittelpunkt rücken? Denn Jahre positiver Wirtschaftskennzahlen haben nicht ausgereicht, die Brüche im marokkanischen Gesellschaftsvertrag zu überdecken. (Quelle: afrik.com)