Buchtipp: Alfred Schlicht: „Das Horn von Afrika: Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Somalia – Geschichte und Politik“

Nur kurz erwähnt und fast wieder aus den Nachrichten verschwunden sind die Ereignisse um das Horn von Afrika, der andauernde Tigray-Konflikt und die damit verbundenen Folgen tauchen kaum noch in den Schlagzeilen auf. Der Autor will mit dieser Publikation mehr Aufmerksamkeit auf diese Region in Afrika lenken. Genutzt hat der Verfasser zahlreiche Quellen, um einprägsam aufzuzeigen, wie Vergangenes die gegenwärtige Situation kennzeichnet. Betrachtet werden die heutigen Staaten Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Somalia.

Der Verfasser will zu einem historischen Verständnis dieser regionalen Unterschiede beitragen. Daraus erklären sich seine ausführlichen Beschreibungen, die diesen Zusammenhängen eingeräumt werden. Im Nahen Osten hat Schlicht als Diplomat gearbeitet. Damit konnte er Quellen vor Ort erschließen und aktuelle Entwicklungen unmittelbar erleben.

Detailreich beginnt der Verfasser seine Ausführungen mit den ersten Besiedlungen. Beredte Zeugnisse legen die entdeckten Felsmalereien ab. Dem Christentum, dem Handel, werden mit dem Beginn des Islams weitere Kapitel gewidmet.

Nähere Erläuterungen finden sich in den Abschnitten, in denen die Länder am Horn von Afrika zum Spielball der europäischen, chinesischen und US-amerikanischen Interessen verkommen. Die schmerzhaften Phasen des Kolonialismus bis hin zu den jüngsten komplexen Auseinandersetzungen mit allen Formen der Gewalt und Einflussnahme werden dargelegt. Schlicht zeigt anschaulich, wie die Religionen, das Christentum und der Islam sich ausbreiten konnten. Daneben weist der Autor darauf hin, dass immer wieder mit allen möglichen Mitteln von außen eingewirkt wurde, seien es die Missionare, sowie die verschiedenen Regierungen über China, Europa mit Deutschland, England, Frankreich, Italien und den USA. Geprägt vom Wunsch, Einfluss auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung in diesem Teil von Afrika zu nehmen.

Am Beispiel von Äthiopiens wechselvoller Geschichte, einer der ältesten Kulturen der Welt, wird deutlich, wie sich die Herrschenden die internationale Unterstützung sichern konnten. Auf beiden Seiten ging es um die Verankerung ihrer wirtschaftlichen und politischen Machtbestrebungen. Hayle Selassie hat 44 Jahre die Entwicklungen entscheidend beeinflusst. Hinterlassen hat er zahlreiche irdische Reichtümer. Die Bevölkerung dagegen als unmittelbare Folge seiner korrupten Herrschaft lebte in Armut und Hunger. Heute, so wird in dieser Veröffentlichung zusammengefasst, haben die ausländischen Investitionen zu einer neuen Abhängigkeit geführt und nicht zu einer Verbesserung der Lebenssituation beigetragen.

Beleuchtet werden in den anschließenden Kapiteln die Lage in Eritrea, Somalia und Dschibuti.

Eritrea, die ehemalige italienische Kolonie, so erläutert der Verfasser, hat sich unter harten Bedingungen nach 30 Jahren seine Unabhängigkeit erkämpft. Die Entwicklung von Somalia und Dschibuti diskutiert der Orientalist mit der Frage „Wege in die Unabhängigkeit oder ins Chaos?“. Er beantwortet dies mit zaghaftem Optimismus für den weiteren Weg Somalias. Für Dschibuti sieht er gute Perspektiven und verweist auf die Militärstützpunkte von Großmächten.

Eine lohnende Lektüre für Interessierte, die die Geschichte dieser Länder Afrikas ausführlich nachlesen wollen und für jeden, den historische Bezüge faszinieren. Die Interpretationen dieser Verflechtungen und damit der Einordnung der Geschehnisse am Horn von Afrika machen die Lektüre zu einem spannenden Unterfangen. (Theresa Endres)

Alfred Schlicht “ Das Horn von Afrika: Äthiopien, Dschibuti, Eritrea und Somalia: Geschichte und Politik“
Verlag Kohlhammer, 2021
ISBN 978-3-17-036965-8
212 Seiten, 32,-Euro